Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Hollywood statt Hoffenheim: Der US-Elektroroadster von Tesla ist ein avantgardistischer Exot. Zügiger Landstraßenritt und emissionsfreies Stromern in der Stadt sind seine Steckenpferde. News.de wagte den Ritt auf der elektrischen Kanonenkugel.
Ja, man fühlt sich wie im Film. Nur das Genre erschließt sich nicht auf Anhieb. Der erste Eindruck wähnt einen im Bereich Comic. Alte Batman-Streifen schießen durch den Kopf. Ein Hingucker ist der Roadster. Nicht erst seit gestern, denn der Wagen basiert auf der Elise von Lotus. Folgerichtig wird der US-Zweisitzer auch im Lotus-Werk Hethel gefertigt. Die Proportionen sind knackig, die Form klassisch – klassisch Roadster. Tief und geduckt kauert die Karosserie über dem Asphalt.
Die Schnauze ist flach, der Hintern hoch und breit. So muss ein Sportler aussehen. Im Rückspiegel der Vorausfahrenden öffnet der Roadster sein als Kühler getarntes Haifischmaul und sorgt für eine aggressive Optik. Die Front wurde anlässlich der jüngsten Modellpflege des E-Sportlers überarbeitet. Das news.de-Testfahrzeug gehört zur sogenannten Generation 2,5.
Die Abmessungen sprechen die Sprache des Sports: keine vier Meter lang, knapp 1,9 Meter breit, lediglich 1,12 Meter hoch. Parademaße. Vor allem in der Kür für einen Sportler, dem Radstand. Der misst lediglich 2,35 Meter und sorgt für ein hervorragendes Handling. Das Leergewicht von 1220 Kilogramm ist angenehm gering, jedoch nicht rekordverdächtig und extrem puristisch. Zum Vergleich: Die Karosserieschwester Elise von Louts wiegt je nach Auflage um die 900 Kilogramm. Der Grund für das Mehrgewicht liegt im Heck: Der Akkublock wiegt etwa 450 Kilogramm. Ach ja, der Tesla ist ja ein Elektrorenner.
Leistung satt statt Soundtuning
Das wird erstmals deutlich, wenn man den Wagen startet. Denn es passiert – nichts. Kein dumpfes Grollen, kein giftiges Röcheln aus einem Ansaugtrakt. Dafür garantiert Tesla, dass die Lithium-Ionen-Akkus 161.000 Kilometer lang halten sollen. Das ist ein Wort. Und ein gutes Argument: Denn ein neues Akkupaket schlägt mit knapp 10.000 Euro zu Buche. Das klingt für den deutschen Durchschnittsautofahrer nach Science-Fiction. Und dann brüllt und donnert das Auto nicht einmal? Romantikkomödie.
Mit solchen Genres hat der Fahrbetrieb der US-Edelflunder allerdings nichts zu tun. Ein Actionfilm kommt dem am nächsten. Wie von der Tarantel gestochen schiebt der Roadster unbarmherzig voran. Ein bisher unbekanntes Gefühl, eine Beschleunigung wie mit dem Gummiband. Das Geheimnis allerdings ist keine Zukunftsutopie wie George Orwells 1984, sondern einfach die Charakteristik des schon lange bekannten Drehstrommotors, zu sehen in jeder beliebigen Dokumentation. Im Gegensatz zum Verbrennungsmotor, der seine Kraft erst aufbaut, liegt die Leistung des E-Aggregates ab dem Start an. Die ganze Leistung. Und das sind 215 kW, was 288 PS entspricht. Noch beeindruckender ist das Drehmoment von 400 Nm.
Das Ergebnis: Die 100 km/h-Grenze fällt nach 3,9 Sekunden. Schaffbar ist dieser Traumwert für jeden Autofahrer – denn im Gegensatz zu handgeschalteten Spritsportlern erfolgt die Kraftübertragung an die angetriebene Hinterachse mittel Eingangautomatik. Der Faktor Mensch, der meist dafür sorgt, dass nicht das volle Beschleunigungspotenzial eines Fahrzeuges ausgeschöpft werden kann, fällt also aus. Doch viel wichtiger als die Eckdaten ist der unbändige Spaß, den der Ritt auf der Elektrokugel macht.
Schickeria-Test bestanden
Zum Schluss der news.de-Testfahrt geht’s durch die Münchener Innenstadt. «Was ist denn Tesla, woher kommen denn die», blafft ein Ergrauter von seinem Fahrrad nach unten in die Fahrgastzelle herab. Verwunderte Blicke und ein Smalltalk an der Ampel sind immer drin, mehr Reality Show geht nicht. Auch ohne die signalgelbe Lackierung des Testwagens ist der Roadster mehr Hollywood Boulevard als zehn Porsche 911 oder M-befeuerte BMWs zusammen. Die werden daneben ganz schnell zum Mühlackerweg oder zur Eichendorffstraße. Und das muss man in der deutschen Schickeria-Metropole erst einmal schaffen. Ganz Schwabing sind allerdings auch die Kosten, die man an der Kinokasse berappen muss: Knapp 120.000 Euro kostete der news.de-Testwagen.
Aber als Eigentümer des Elektro-Roadsters spielt man ohnehin in einer anderen Liga als die «Petrol-Heads», wie die Fangemeinde die Ewiggestrigen gerne bezeichnet. Noch ist der Tesla ein Spielzeug für automobile Avantgardisten. 2012 kommt die stromernde Limousine der Kalifornier. Man kann sich nur wünschen, dass diese genauso viele Argumente für E-Mobilität bietet wie der Roadster und dafür sorgt, dass diese bald vom Spartenkanal zum Vollprogramm wird. Film ab!
sgo/kra/news.de