Motorradunfälle «Die ersten drei Wochen sind die schlimmsten»

Motorradunfall (Foto)
Nicht immer ist der Biker selbst für den Unfall verantwortlich. Gerade nach dem langen Winter müssen sich die Autofahrer auf die Zweiradpiloten wieder einstellen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Kaum ist die Motorradsaison eröffnet, gibt es die ersten Horrorunfälle. Die Bilanz des ersten Aprilwochenendes: zehn tote Motorradfahrer. News.de klärt auf, warum der Frühling die gefährlichste Zeit ist und wie der Start in die Saison unfallfrei gelingt.

Die schönste Zeit für Motorradfahrer ist der Frühling. Sie sehnen sich nach dem April – dem offiziellen Startschuss für die Saisonkennzeichen, mit dem die Zweiradmaschinen wieder auf die Straße rollen. Und das Cruisen ist beliebter denn je. Nach Angaben des Automobilclubs ADAC ist der Motorradbestand in den vergangenen 15 Jahren um 176 Prozent angestiegen, fast vier Millionen Maschinen werden derzeit zwischen Flensburg und Füssen bewegt.

Doch die Piloten auf zwei Rädern kommen nur langsam in die Gänge, wie die Zahl der Verkehrsunfälle zeigt: Zehn Biker haben ihr Leben bereits auf der Straße verloren. «Die ersten drei Wochen der Saison sind die schlimmsten», weiß Josef Maurus, Verkehrsexperte und Staumelder des ADAC Südbayern. Nicht nur beruflich beschäftigt sich der Oberbayer mit den Zweirädern. Seit seinem 16. Lebensjahr ist der 60-Jährige leidenschaftlicher Biker - pro Jahr spult er mehr als 10.000 Kilometer auf seiner Maschine ab.

Motorradsicherheit
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16-fach höheres Risiko für Biker

«Je sonniger das Wetter ist, desto schneller steigen die Unfallzahlen», gibt der Verkehrsexperte zu bedenken. Mit Blick auf das bevorstehende Wochenende, das mit Sonnenschein und Temperaturen von bis zu 28 Grad aufwartet, sind das keine günstigen Voraussetzungen. Noch dazu, wo Biker einem 16-fach höheren Todesrisiko als Autofahrer ausgesetzt sind.

Obwohl Deutschland sich fast schon im Sommer fühlt, befinden sich Maurus zufolge die Verkehrsteilnehmer noch im Winterschlaf. «Die Autofahrer sind nach dem langen Winter noch gar nicht auf Motorradfahrer eingestellt. Sie nehmen sie nicht wahr», erklärt er.

Ein weiteres Problem sind die Spuren, die der Winter auf der Straße hinterlassen hat: «Vielerorts liegt noch Rollsplitt auf der Straße, der gerade in Kurven den Motorradfahrer aus dem Gleichgewicht und zum Sturz bringen kann», warnt der Experte. Frostschäden wie Schlaglöcher sind ein zusätzliches Gefahrenpotenzial.

Doch die größte Sicherheitslücke bleibt der Biker selbst, der erst wieder auf Touren kommen muss. «Nach dem langen Winter und der Zwangspause hat der Motorradfahrer meist noch Defizite, beispielsweise den richtigen Bremspunkt oder die nötige Kurvenlage zu finden», weiß Maurus. Und es fehle das Gespür, die Verkehrssituation richtig einzuschätzen.

«Best Ager» als Risikogruppe

Mit Sorge beobachtet der Experte die Unfallstatistiken der vergangenen Jahre. Zwar gehe die Zahl der Unfälle insgesamt zurück. Doch die Zahl der Toten stagniert – auf hohem Niveau. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, gab es im Jahr 2009 48.545 Motorradunfälle, 5,1 Prozent weniger als 2008 mit 51.141 Vorfällen. Dabei wurden 651 Biker getötet, fünf weniger als im Jahr zuvor. Traurige Spitzenreiter im vergangenen Jahrzehnt waren die Jahre 2005 und 2007 mit 875 sowie 807 Toten. In diesen beiden Jahren hatte jeweils der warme und sonnige Frühling sowie der langanhaltende Sommer die hohe Rate beeinflusst.

Die größte Risikogruppe sind Männer im Alter ab 45 Jahren. «Die Fahranfänger sind nicht das Problem. Denn sie sind finanziell noch nicht in der Lage, große Maschinen zu kaufen, sondern halten sich an weniger PS-starke Maschinen», sagt Maurus. Darin liegt das Dilemma. «Oft kaufen sich die sogenannten Best Ager nach jahrzehntelanger Pause vom Motorradfahren eine neue Maschine, die ein Vielfaches mehr an Leistung bringt als das erste Motorrad», so der Experte. Mit diesen leistungsstarken Maschinen wagten sie sich in Geschwindigkeitsbereiche, die lebensgefährlich sind.

Doch was ist die Lösung, um unfallfrei durch die Saison zu kommen? «Letztendlich kann man nur an die Vernunft des Fahrers appellieren. Motorradfahren kann ein herrliches Vergnügen sein. Doch ohne Respekt davor kann es auch Leben nehmen», mahnt der Experte.

Um wieder Vertrauen in die eigenen Fahrkünste zu bekommen, sei es wichtig, langsam in die Saison zu starten. Zum Eingewöhnen empfehlen sich kurze Ausfahrten - vor allem im Flachland. Maurus spricht hier von einem Aufwärmtraining zwischen 200 und 500 Kilometern. Von schweren Bergtouren rät der ADAC-Experte ab. Wichtig sei zudem, sich an das richtige Bremsen, Schräglagenfahren und rechtzeitige Reagieren Schritt für Schritt heranzutasten. Dazu muss es nicht die Straße sein: Besser eignen sich leere Parkplätze oder geteerte Freiflächen.

Nachholbedarf bei Sicherheitssystemen

Auch auf die Technik kommt es an: Maurus hält die PS-Aufrüstung im Zweiradbereich für mehr als bedenklich: «Besser ist es, an Leistung zu sparen, dafür aber nicht an Sicherheitssystemen wie ABSDas Antiblockiersystem ermöglicht beim Bremsen eine bessere Lenkbarkeit und Spurtreue. Außerdem kann das System über die Regelung des Radschlupfs den Bremsweg auf nasser Straße verkürzen. oder ESPDas Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) verhindert in Kurven das Ausbrechen des Hecks oder der Vorderräder. Möglich wird dies durch das computergesteuerte Abbremsen einzelner Räder. », appelliert der Verkehrsexperte. Doch hier gibt es in Europa noch Nachholbedarf: Bei Motorrädern unter 250 ccm Hubraum ist ABS sogar nur bei weniger als einem Prozent der Modelle verbreitet. Bei schwereren Maschinen gibt es das Sicherheitssystem bei gut 25 Prozent der Zweiräder in Europa. Wie die ADAC-Unfallforscher ausgerechnet haben, könnte das Antiblockiersystem jährlich 160 Leben in Deutschland retten.

zij/ham/ivb/news.de

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • brumm
  • Kommentar 6
  • 28.01.2012 14:15

Sowohl dieser als auch der Artikel über immer mehr Motorleistung sind weit jenseits von neutral. Sie nehmen bewusst irrelevante Fakten her um falsche Behauptungen aufzustellen. So ist es wohl richtig das ABS unter 250ccm kaum vorkommt. Aber wahr ist das kaum jemand irgendetwas unter 600ccm kauft, der Trend geht zum vollen Liter und die allermeisten Neumaschinen haben ABS.gerade durch den Leistungswettkampf mittlerweile auch Rennmaschinen inkl. Traktionskontrolle. Wahnwitzig viel PS stehen NICHT in Konkurrenz zu sicherheitssystemen. Kritikwürdig? kritisiert irgendwer nen bugatti veyron? Nö.

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  • tobi
  • Kommentar 5
  • 15.04.2011 10:33
Antwort auf Kommentar 2

Also mal Ehrlich "WiR" Die Atomenergie aufgrund dämlicher Motorradfahrer zu befürworten ist das idiotischste pro-Atom-Argument dass ich in den letzten 2 Jahren gehört habe. Wie genau meinst du dass, wir sollen uns in die Steinzeit bewegen? Gab es da früher schon Energie-Car-Save-Sytems? Weißt du wieviel radioaktives Material pro Meiler im Einsatz ist? 160Tonnen. und jetzt mach dir mal gedanken darüber wo man diese Mengen Lagern soll. und zwar für die restliche Dauer unserer Zivilisation. Die 160 Tonnen reichen übrigens nur für ca. 10 Jahre. Das problem potenziert sich also...

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  • Mäti
  • Kommentar 4
  • 10.04.2011 13:55

Hat ja alles irgendwo seine Richtigkeit. Man muss aber auch bedenken, dass bei schönem Wetter auch das Vielfache an Motorradfahrern unterwegs ist. Zum Wahrnehmen: Die anderen Verkehrsteilnehmer müssen einfach berechenbar fahren. Anständig, ganz normal und keine Spiränzchen machen. Das hilft uns, wie auch ihnen. Biker, die leidenschaftlich und vor allem viel und regelmäßig fahren haben ein Gespür für die meisten potentiellen gefährlichen Situationen und reagieren i.d.R angemessen. Für alle die ein Motorrad haben weil es schick ist und deutlich unter 5tkm im Jahr fahren: zu hause bleiben!

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