Fahrzeugwartung Schrauben oder schrauben lassen

Der Tod der Schrauberkultur? (Foto)
Schrauben oder schrauben lassen? Vor allem bei älteren Fahrzeugen legen viele noch selbst Hand an. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Der Tod der Schrauberkultur? Ölwechsel, Zündkerzen und Luftfilter austauschen - das haben Autofahrer früher selber gemacht. Doch moderne Fahrzeuge verfügen über komplizierte Elektrik und verlangen nach Profi-Händen. Ist die Schrauberkultur jetzt Geschichte?

«Danach wird die Karre aufgebockt und sich unter die Kiste gehockt. Samstags nachmittags um halb vier, Fußballreportage und ein Bier.» 1983 haben die Toten Hosen in ihrem Lied OPEL GANG der Schrauberszene ein Denkmal gebaut. Ölwechsel, Zündkerzen tauschen, einen neuen Luftfilter einbauen – wer ein echter Mann sein wollte, hat all das natürlich selber ausgeführt. Bis in die 1990er Jahre war beim Neubau eines Hauses die Werkstattgrube in der Garage eher obligatorisch als exotisch.

Selbst ist der Mann – auch heute noch? Fakt ist: Moderne Fahrzeuge verfügen über einen komplexeren Aufbau als frühere Baujahre, vor allem in Sachen Elektrik. Einerseits. Andererseits jedoch verfügen auch zeitgenössische Fahrzeuge über mechanische Grundgegebenheiten, die noch immer dem Bauprinzip der Herren Otto und Diesel entsprechen. Auch bei den modernsten Fahrzeugen bewegen sich die Kolben immer noch in einem Schmierfilm aus Öl. Es sind immer noch Zündkerzen, die Benziner auf Trab bringen. Und Steuerkette oder Keilriemen befeuern nach wie vor die Lichtmaschine.

Komplizierte Elektrik verlangt nach Fachpersonal

Zu diesen allerdings gesellen sich in aktuellen Baureihen eine Bordelektronik, die nur vom Fachmann mit der entsprechenden Software kontrolliert und gewartet werden kann. Allein die Fehleranalyse ist ohne ein entsprechendes Computer-Programm aussichtslos. Eine kostengünstige Alternative zum Fachbetrieb sind da Selbsthilfewerkstätten. Sie stellen Räumlichkeiten und Werkzeug zu einer günstigen Leihgebühr. Oftmals stehen zusätzlich Kfz-Meister zur Verfügung, an die man sich vor Ort wenden kann, wenn man mit dem eigenen Latein am Ende ist.

«Doch selbst vermeintlich einfache Arbeiten bergen ihre Tücken», wie Verkehrsjournalist Norbert Michulsky betont. Das steht außer Frage. Aber: «Wer früher bei einem Auto nicht die Zylinderkopfdichtung wechseln konnte, der wird das bei einem modernen Fahrzeug auch nicht hinbekommen», ergänzt Kfz-Meister Andreas Bihler. Der Unterallgäuer vertreibt die Bücher aus der «Jetzt helfe ich mir selbst»-Serie. Sie sind für zahllose Fahrzeugtypen erhätlich und mit über zehn Millionen verkauften Exemplaren das Standardnachschlagewerk für Schrauber und Fahrzeuginteressierte.

Gestiegene Absätze bei Schrauber-Büchern

«Die Absätze unserer Nachschlagewerke sind im letzten Jahr sogar gestiegen», weiß Bihler. Das Interesse an der Hilfe zur Selbsthilfe scheint also immer noch vorhanden zu sein. Ausgerechnet das Buch zur aktuellen E-Klasse von Mercedes wurde zum Überraschungserfolg. Das Hobbyschrauben ist also mitnichten nur eine Angelegenheit für Besitzer von altersschwachen Kleinwagen. Bihler vermutet jedoch noch einen anderen Hintergrund: «Viele Autofahrer erhoffen sich ein Grundverständnis für das Fahrzeug, um die Rechtmäßigkeit von Reparaturen der eigenen Werkstatt nachvollziehen zu können. Erzählen die mir Unsinn, oder liegt wirklich der diagnostizierte Schaden vor?»

Ein Ende der Schrauberambitionen im Autoland Deutschland ist also so leicht nicht auszumachen. Vielmehr lässt sich eine Differenzierung betrachten: Einfache mechanische Arbeiten können nach wie vor selbst ausgeführt werden. Die zunehmende Bordelektrik allerdings bleibt für Laien tabu. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme. Denn sollten Elektromotoren in einigen Jahrzehnten der Normalzustand auf unseren Straßen sein, dann muss man diese Frage erneut stellen. Doch der Weg dorthin ist noch weit. Sieht so aus, als ob auch in Zukunft die Karre aufgebockt wird und sich anschließend druntergehockt. Da schmeckt das Bier zur Bundesliga-Radiokonferenz am Samstagnachmittag gleich viel besser.

mat/ivb/news.de

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