Reportage Die Werkstatt-Touristen

Die Werkstatt-Touristen (Foto)
Die Zahl der niederlaendischen Kunden in deutschen Kfz-Werkstaetten nimmt sprunghaft zu. Bild: ddp

Von Normann Berg
Servicewüste Deutschland? Im Ausland sieht man das offenbar nicht so. Kraftfahrzeug-Werkstätten an der Grenze zu den Niederlanden boomen. Deutsche Händler haben ihre Nachbarn im Westen als zahlungswillige Kunden ausgemacht.

Der von Kritikern oft gebrauchte Begriff von der «Servicewüste Deutschland» gilt für Kraftfahrzeug-Werkstätten an der Grenze zu den Niederlanden offenbar nicht. Deutsche Händler haben hier in Zeiten schwacher Absatzzahlen ihre Nachbarn im Westen als zahlungswillige Kunden ausgemacht. Günstige Preise, freundliche Bedienung, schneller Service und Transparenz bei den Kosten werden jenseits der einstigen Schlagbäume als Hauptgründe für die automobile Landflucht genannt. «Wir haben jeden Tag mindestens zwei Kunden aus den Niederlanden», sagt Werner Haake, Serviceleiter des BMW-Autohauses Tekken im ostfriesischen Leer. Insgesamt mehr als zehn Prozent der Kunden haben ein gelb-schwarzes NL-Kennzeichen. «Dieses Umsatzvolumen sichert fast einen ganzen Arbeitsplatz», sagt Haake weiter.

Einer dieser Umsatzbringer ist Jack Hoogstra. Gemeinsam mit Ehefrau Meta und seinem nagelneuen BMW 523i ist er nach Leer gekommen, um sich Winterreifen samt Alufelgen für knapp 2000 Euro aufziehen zu lassen. «Zuhause bin ich nur eine Nummer. Hier hat man Zeit und ist viel freundlicher und billiger», begründet der leitende Angestellte eines Kunststoff verarbeitenden Betriebs aus der Hafenstadt Delfzijl seine lange Anreise. Mehr als 60 Kilometer liegen zwischen seinem Wohnort und der Werkstatt seines Vertrauens. Hoogstra ist heute nicht der erste Niederländer bei Tekken. Direkt vor ihm wurde ein älteres 520d-Modell durchgecheckt. Unter anderem steht ein Ölwechsel an.

VHS-Kurs Niederländisch hilft weiter

Von einem Anstieg der Zahl niederländischer Kunden berichtet auch Michael Beckmann, Verkäufer im VW-Autohaus Schwarte im emsländischen Meppen. «Ich will nicht sagen, dass die holländischen Kollegen schlechter arbeiten, aber wir können häufig schneller liefern und sind bei den Ersatzteilen und Lohnkosten günstiger», hat Beckmann festgestellt, der über eine 25-jährige Berufserfahrung verfügt. Ihm persönlich kommt im Umgang mit den neuen Kunden zugute, dass er fließend Niederländisch spricht. Ganz so gut sind die Sprachkenntnisse des ostfriesischen Kollegen Werner Haake nicht, doch hat der 54-Jährige immerhin den VHS-Kurs «Niederländisch für Anfänger» belegt. Die Kunden seien immer wieder freudig überrascht, wenn sie in ihrer Landessprache begrüßt werden.

Ganz nachvollziehen kann Haake den plötzlichen Ansturm aus dem Nachbarland dennoch nicht. «Wir verkaufen keine Kunstwerke, sondern klar umrissene Dienstleistungen. Wir bieten auch unseren niederländischen Kunden nur die ganz normalen Standards an.» Dazu zählen neben der Direktannahme mit einem obligatorischen Blick unter das Auto und vorab besprochenen Preisen auch kostenlose Leihwagen. «Für mich sind das Normalitäten, für einige unserer niederländischen Kunden aber nicht», hat Haake festgestellt.

Wenn er ihnen dank modernster Technik auch noch Fahrzeugdiagnose und Rechnung auf Niederländisch ausdrucken kann, ist das Eis endgültig gebrochen. «Remvloeistof» (Bremsflüssigkeit) ist fällig, steht dort im Fall des älteren 520d. Die grenzüberschreitende Verbundenheit geht so weit, dass sich ein niederländischer Arzt und Langzeitkunde seine Winterreifen mittlerweile aus Ostfriesland an seinen neuen Wohnort im belgischen Antwerpen liefern lässt.

Luxussteuer verhindert Neuwagenkauf

Gerne hätte sich Jack Hoogstra auch seinen neuen BMW in Deutschland gekauft. Doch in diesem Fall macht der niederländische Staat einen Strich durch die Rechnung. Bei der Einfuhr ins Heimatland hätte der 53-Jährige die «Belasting van Personenauto's en Motorrijwielen» (Umsatz- und Einfuhrsteuer für Personenkraftwagen und Krafträder), kurz BPM, bezahlen müssen. Diese Luxussteuer liegt bei bis zu 42,5 Prozent des Neuwagenwerts. So weit geht die Liebe zum deutschen Kfz-Handel dann doch nicht. «Spannend wird es aber, wenn diese Steuer im Zuge einer einheitlichen europäischen Besteuerung irgendwann fällt», sagt Verkäufer Beckmann. «Dann können wir uns vor niederländischen Kunden wahrscheinlich nicht mehr retten.»

sgo/car/news.de/ddp

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