Lesertelefon Sind Fahrassistenten Fluch oder Segen?

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Die Bremshilfe ABS ist inzwischen selbstverständlich. Viele andere Assistenten sind im Auto nach wie vor selten. Bild: ddp

Ob das lohnt? Elektronische Helferlein erleichtern dem Piloten vieles. Zu viel? Am news.de-Lesertelefon konnten Sie unseren Experten Fragen zum Thema Fahrassistenten stellen. Lesen Sie hier die Antworten der Fachleute.

Können Fahrzeuge auch nachträglich mit Fahrerassistenzsystemen ausgestattet werden – oder muss ich mich direkt beim Kauf eines Neuwagens dafür oder dagegen entscheiden?

G. Schleichert: Die nachträgliche Ausstattung eines Wagens mit Fahrerassistenzsystemen ist in der Tat problematisch. Was Sie gut nachrüsten können ist ein Einparkassistent, der Sie mit akustischen Signalen vor dem Zusammenstoß mit anderen geparkten Fahrzeugen warnt oder ein mobiles Navigationsgerät. Andere Systeme wie das elektronische Stabilitätsprogramm ESP oder gar Notbrems- und Abstandsregeltempomaten können Sie nicht nachrüsten.

Können Sie einen ungefähren Kostenrahmen für Fahrerassistenzsysteme nennen? Denn mein Budget ist begrenzt ...

Fahrassistenten
Trügerische Sicherheit?

G. Schleichert: Der Gebrauchtwarenmarkt bietet heute viele Autos, die bereits mit den Fahrerassistenzsystemen ESP (elektronisches Stabilitätsprogramm), ABS (Antiblockiersystem) und ASR (Antischlupfregulierung) ausgestattet sind. Darauf würde ich in keinem Fall verzichten. Bei Gebrauchtwagen, die nicht älter als zwei bis drei Jahre sind, finden Sie auch schon modernere Systeme wie Notbremsassistenten oder Abstandsregeltempomaten. Bei Neuwagen ist die Preisspanne für die modernen Systeme je nach Fahrzeugtyp und Hersteller sehr groß. Hier ist es ratsam, sich gezielt zu informieren.

Ich kann mir gar nicht so genau vorstellen wie Fahrerassistenzsysteme funktionieren. Was macht beispielsweise ein Notbremsassistent?

M. Meyer: Hier müssen wir zwischen zwei verschiedenen Systemen unterscheiden: Der einfache Notbremsassistent kommt nur zum Einsatz, wenn der Fahrer selbst eine Vollbremsung durchführen möchte – dann bekommt er die volle Unterstützung der Bremsleistung. Die vorausschauenden Notbremsassistenten arbeiten mit einer Umfeldsensorik. Ein Radarsensor sieht, ob ein Auffahrunfall droht und warnt den Fahrer durch optische und akustische Signale oder beispielsweise einen kurzen Bremsruck. Reagiert der Fahrer, bremst aber nicht ausreichend stark, unterstützt das System mit dem noch fehlenden Bremsdruck, um den Unfall zu vermeiden. Reagiert der Fahrer gar nicht und ist ein Unfall nicht mehr zu verhindern, wird in der Regel eine Vollbremsung ausgelöst, um die Schwere der Kollision zu reduzieren.

Wie häufig wird denn bei Unfällen zu spät gebremst?

M. Meyer: Das Ergebnis einer Unfallanalyse aller deutschen Unfälle unterstreicht den großen Nutzen von Notbremsassistenten für Ihre Sicherheit: Demnach bremste ein Drittel der Menschen, die einen Auffahrunfall hatten, gar nicht, die Hälfte zu wenig und lediglich 20 Prozent führten eine Vollbremsung durch – das allerdings zu spät. Und genau hier unterstützen Sie die Funktionen von Notbremsassistenten.

Was gibt es für Systeme, die vor einem unbeabsichtigten Verlassen der Fahrspur warnen?

M. Meyer: Es gibt Spurverlassenswarner, die über eine akustische, optische oder haptische Warnung – wie beispielsweise der Vibration des Lenkrads – den Fahrer auf ein unbeabsichtigtes Verlassen seiner Spur aufmerksam machen. Sogenannte Spurhaltesysteme unterstützen den Fahrer durch leichte Lenkimpulse aktiv dabei, in der Spur zu bleiben.

Mir fällt besonders das Fahren in der Dunkelheit schwer. Welche Lichtsysteme können mich bei Nachtfahrten unterstützen?

Birgit Tantner: Allein durch den Wechsel auf Xenon-Licht, das heller und dem Tageslicht ähnlicher ist, erreichen Sie eine doppelt so gute Ausleuchtung wie bei herkömmlichen Lichtquellen. Zusätzliche Unterstützung bieten Fernlichtassistenten, die automatisch Auf- und Abblenden. Das neueste dieser Systeme ist das sogenannte permanente und selektive Fernlicht: Sie fahren hier die ganze Zeit mit Fernlicht, erscheinen andere Verkehrs-teilnehmer, die geblendet werden könnten, werden automatisch die Lichtanteile ausgeblendet, die diese Fahrer stören würden. Wenn Sie häufig im Dunkeln auf kurvigen Strecken unterwegs sind, kann ein Kurvenlicht hilfreich sein: Hier geht das Licht synchron zur Lenkbewegung mit, so dass die Kurve früher ausgeleuchtet wird.

Welche Systeme können mich beim Einparken unterstützen?

B. Tantner: Herkömmliche Parkhilfen arbeiten mit Abstandssensoren und geben durch akustische Signale oder eine Anzeige Informationen zum Abstand zu anderen Fahrzeugen. Sie ersetzen nicht das umsichtige Einparken, funktionieren aber wie ein zusätzliches Auge. Einparkassistenten steuern automatisch in die Parklücke. Gaspedal und Bremse bedienen Sie und behalten damit die Verantwortung.

Kann es passieren, dass ein Assistenzsystem sich irrt?

M. Meyer: In den modernen Fahrerassistenzsystemen steckt eine sehr intensive Entwicklungsarbeit. Die Anforderungskriterien für sicherheitsrelevante Systeme sind außerdem äußerst streng. Daher ist die Sicherheit und Zuverlässigkeit dieser Systeme extrem hoch. Garantien allerdings gibt es nie.

Ich bin schon älter und würde mir durchaus technische Unterstützung beim Fahren wünschen. Ich habe aber Angst, dass ich mit den modernen Systemen nicht mehr zurechtkomme ...

Welf Stankowitz: Wenn Sie eine so komplexe Tätigkeit wie das Autofahren beherrschen, wird es für Sie ein Leichtes sein mit den modernen Fahrerassistenzsystemen zurechtzukommen. Richtig ist aber, dass das Fahren mit diesen Systemen erlernt werden muss – und das gilt für alle Fahrer, nicht nur für ältere Menschen. Automobilclubs bieten überall Fahrsicherheitstrainings an, bei denen auch das Fahren mit Assistenzsystemen geübt werden kann.

Die Experten am Lesertelefon im Überblick:

Welf Stankowitz, Referatsleiter Fahrzeugtechnik, Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR), Bonn

Dipl.-Wirtsch.-Ing. Michael Meyer, Senior Manager Geschäftsbereich Chassis Systems Control, Robert Bosch GmbH, Heilbronn

Dipl.-Ing. Gert K. Schleichert, Abteilungsleiter Auto & Verkehr, Auto Club Europa e.V. (ACE), Stuttgart

Birgit Tantner, Marketing Manager Geschäftsbereich Fahrerassistenzsysteme, Valeo Driving Assistance Systems, Bietigheim-Bissingen

sgo/news.de/pr-nrw

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