Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Halb Cabrio, halb Coupé: Bis 1994 bot Porsche seinen Renner 911 nach dem klassischen Targaprinzip an. Seitdem liefern die Schwaben lediglich ein Glas-Sonnendach als Targa-Verschnitt. Freunde des Urversion macht Gerald Nitsch mit seiner Manufaktur glücklich. News.de hat sie besucht.
Warum gibt es eigentlich keinen Porsche mit klassischem Targadach mehr? Diese Frage hat sich Gerald Nitsch, der Mann hinter GTN Automotive, oft gestellt. «Ich war schon immer ein Targa-Fan», stellt der Ingenieur in breitem Schwäbisch klar. Genauso klar positioniert sich Nitsch auch im Hinblick auf seine Philosophie, wenn es um die Bauart des Targadaches geht: «Es müssen herausnehmbare Dachhälften sein und kein Schiebedach aus Glas». Doch um diese Überzeugung verstehen und einordnen zu können, muss man zuerst weit in die Geschichte von Porsche zurückspulen:
1965 baute Porsche den ersten 911 Targa. Der Begriff stammt aus dem Italienischen und lässt sich ins Deutsche mit Schild übersetzen. Das Prinzip beschreibt eine spezielle Dachkonstruktion. Das Dachmittelteil lässt sich herausnehmen und bietet die Möglichkeit, mit offenem Dach zu fahren. Ein Sicherheitsbügel sorgt für zusätzliche Sicherheit und die fest installierte Heckscheibe aus Glas verspricht hohen Fahrkomfort. Die Bauweise verspricht also den Spagat zwischen Coupé und Cabriolet: Einerseits bietet der Targa eine ähnlich hohe Verwindungssteife wie ein Coupé und somit auch größere Sicherheitsreserven als die Frischluftlösung. Andererseits steht ein Targadach immer noch für ein luftiges Cabriogefühl, das auch ein Schiebedach nicht bieten kann.
Den Klassiker gab's bis 1994
In dieser Bauweise bot Porsche bis ins Jahr 1994 Fahrzeuge unter dem Namen Targa an. Als im Spätsommer 1995 die vierte Generation des Klassikers 911 erschien, der Typ 993, veränderten die Schwaben jedoch ihre Interpretation des Targakonzeptes: Anstatt einer Konstruktion mit herausnehmbaren Dachhälften verkaufen die Schwaben unter dem Namen Targa ab sofort Fahrzeuge, die ein großflächiges Panorama-Schiebedach aus Glas besitzen. Puristen wie Gerald Nitsch jedoch wollen kein XL-Schiebedach, sondern echtes Frischluft-Vergnügen.
So kam dem Ingenieur die Idee für sein Produkt: Fahrzeuge der aktuellen 911-Generation zu echten Targas umbauen. Mit ersten Skizzen machte sich Nitsch 2007 auf den Weg in die USA. «Für offene Fahrzeuge ist dort aufgrund der milderen Temperaturen der größte Markt», erklärt er. Den dortigen Porscheverkäufern gefiel das Konzept sofort. Bestärkt von vielen positiven Reaktionen, machte sich Nitsch auf den Weg zurück ins Land der Dichter und Denker. In Kooperation mit dem Designbüro Form3 entstand der erste 1:1-Prototyp.
Porsche Cabriolet als Basis für den Umbau
Als Basisfahrzeug für den Umbau dient Interessierten ein Porsche Cabriolet des aktuellen 911-Modells 997. Auch wenn der 997 als Original-Targa mit Glasschiebedach im Design überzeugen konnte - Nitsch sah trotzdem Handlungsbedarf: «Unsere Lösung bietet beispielsweise die Möglichkeit, Targabügel und Dachhälften in klassischem Edelstahl-Design wie beim Ur-Targa zu ordern», erläutert der Freund des ursprünglichen Gedankens. Gefertigt wird die GTN-Lösung aus mehrlagigem Carbon. Der Werksstoff verspricht hohe Stabilität bei niedrigerem Gewicht: Das Heckteil bringt 18 Kilogramm auf die Waage, die drei Dachteile insgesamt 9.
Bei Bedarf entfernen die schwäbischen Spezialisten zusätzlich die Kopfbedeckung des Cabriolets. Kennern verspricht diese Maßnahme ein deutlich verbessertes Handling aufgrund der Gewichtseinsparung. Zur Agilität des Wagens trägt zusätzlich der niedrige Luftwiderstandskoeffizient von 0,28 cW bei. Außerdem wandert der Schwerpunkt des zum Targa umgebauten Cabriolets nach unten und führt zu mehr Fahrstabilität.
Ruhe im Cockpit auch bei hoher Geschwindigkeit
Im Fahrbetrieb bestätigt der Umbausatz diese Eckdaten. Positiv fiel zudem unterwegs die Ruhe im Cockpit auf: Selbst jenseits der 200 km/h sind Gespräche noch problemlos möglich, ohne in Gebrüll auszuarten. Einziger Wermutstropfen ist der Umstand, dass der Stauraum über der Vorderachse empfindlich schrumpft. Dorthin nämlich verschwinden die Dachteile während der Fahrt. Speziell eingepasste Taschen sorgen dafür, dass die Teile auch bei sportlicher Fahrweise keinen Millimeter verrutschen. «Wer das alles kopieren wollte, der müsste zuerst mindestens über eine Million Euro investieren», sagt Nitsch voller Stolz. Er weiß, dass er vorerst keine Konkurrenz zu fürchten braucht. Außer Porsche selbst adelt seine Idee beim nächsten 911er in Serie. Warum das Gerald Nitsch sogar gefallen würde, erfahren Sie in unserem Interview mit dem schwäbischen Geschäftsmann und Ingenieur.
sis/news.de