Wohnmobil und Caravan Fahrendes Volk

Moden kommen, Moden gehen. Doch Camping war immer angesagt. Spießer hin oder her - eine treue Fangemeinde lässt seit Jahrzehnten den mobilen Ferienkult hochleben. Ein Überblick über eine Branche, eine Fahrzeugklasse und ein Lebensgefühl.

Fahrendes Volk (Foto)
Nadine Schweizer vom Wohnwagenhersteller Hymer poliert vor der ersten Oldtimer-Messe «Klassikwelt Bodensee» in Friedrichshafen das «Ur-Wohnmobil» von 1961. Bild: dpa

«Comtesse», «Kurfürst» oder «Diplomat». Namen, wie in Stein gemeißelter Gelsenkirchener Barock. Namen von Wohnanhängern, mit denen Deutschlands Camping-Pioniere in den 1950er Jahren über die Alpen zogen. Sie sind imposanter als die schlicht möblierten Mobilquartiere selbst. Viel Gewicht dürfen die Anhänger nicht auf die Waage bringen. Denn sie müssen von Volkswagens Käfer, dem Prinz von NSU oder anderen Zugmaschinchen mit sehr begrenzter Leistung in Schlepp genommen werden können.

Doch die Deutschen sind begeistert von der Unterkunft auf Rädern. Sie macht den Urlaubstraum von Bella Italia erschwinglich. Auch für Normalverdiener mit Kind. Campingküche und Konservenproviant reduzieren die Verpflegungskosten der Urlauber auf ein Minimum. Zudem ersparen Muttis Kochkünste am Propangaskocher den kleinen und großen Teutonen ungewollte Abenteuer kulinarischer Art. Für Pizza und Pasta ist in jenen Jahren längst noch nicht jeder deutsche Gaumen bereit.

Wohnmobil und Caravan: Spießer im Trend

Wohnmobil und Caravan liegen im Trend

Ein halbes Jahrhundert später ist die Freunde der Deutschen an Caravan & Co. ungebrochen. Mag der Urlaub auf dem Campingplatz, mit Skatabenden im Vorzelt und Kaffeeseligkeit am Klapptischchen für die einen Inbegriff der Spießeridylle sein, für eine riesige Fangemeinde ist Camping nicht nur eine günstige Alternative zu den Pauschalarrangements der Reiseveranstalter, sondern die Idealform des Reisens schlechthin. Ob Steinhuder Meer oder Atlantikküste, Bornholm oder Costa Brava - die Caravangemeinde schlägt ihre Zelte auf, wo es ihr gefällt. Und wenn die Platznachbarn nerven, der Himmel tagelang voll grauer Wolken hängt oder das Fernweh zu neuen Zielen lockt, zieht man einfach weiter.

Der niedersächsische Hersteller Vario Mobil hat im Krisenjahr 2009 das bis dahin teuerste Wohnmobil seiner Unternehmensgeschichte verkauft - einen zwölf Meter langen Dreiachser mit 420-PS-Motor und automatischem Zwölfganggetriebe. Über eine Million Euro kostete das Vehikel. Für diese stolze Summe bringt es aber ein Schlafzimmer mit Kingsize-Doppelbett, eine komplette Einbauküche und ein Wellnessbadezimmer mit Platinarmaturen mit. Am Ziel wächst das mobile Heim sogar über seine Reisemaße hinaus - drei ausfahrbare Erker sorgen dann für maximale Beinfreiheit, sei es in der Polsterecke, sei es im Bett.

25 Tonnen auf großer Reise

Weil man mit so einem 25-Tonner schwerlich Panoramatouren auf kurvigen Küstenstraßen in Angriff nehmen kann und beim Brötchenholen im nächsten Dorf mit hoher Wahrscheinlichkeit auf unlösbare Parkprobleme stößt, nimmt so ein Wohnmobil der Extraklasse durchaus eine Garage samt Zweitfahrzeug Huckepack. Oft gehen Fahrzeuge von Mini- oder Smartgröße an Bord. Gelegentlich haben die Reisemobilbauer ihren Luxuslinern auf Kundenwunsch aber auch schon Garagen für Oberklassemodelle in den Bug geschoben.

In ihrer Eigenschaft als Transportmittel stehen heutige Wohnmobile nicht schlecht da. Sind zwei Passagiere mit dem mobilen Mini-Hotel unterwegs, liegt das CO2-Aufkommen pro Passagier und Kilometer im Durchschnitt bei 149 Gramm. Gehen vier gemeinsam auf große Fahrt, reduziert sich der Wert auf 74 Gramm und liegt damit unter dem Wert der Eisenbahn, für die laut Studie 80 Gramm pro Personenkilometer zu veranschlagen sind. Ältere Fahrzeuge mit ungefiltertem Dieselruß machen dagegen eine weniger gute Figur. Vielerorts werden ihnen deshalb verschärfte Richtlinien für Umweltzonen zur Hürde. Für etliche Modelle gibt es laut Caravaning Industrie Verband (CIVD) Nachrüstfilter, die das Fahrzeug mit Euro-I-Status (keine Plakette) auf Euro-IV-Standard (grüne Plakette) bringen.

Caravan-Pionier Erwin Hymer

Zu den Großen der Caravan-Branche gehört Erwin Hymer. Der 1930 geborene Maschinenbauingenieur arbeitete in den 1950er Jahren mit dem Flugzeugkonstrukteur Claudius Dornier und war an der Entwicklung der DO 27 beteiligt, dem ersten deutschen Flugzeug der Nachkriegszeit. Nach dem Flugzeug kam ein Autoprojekt. Hymer entwickelte ebenfalls für Dornier ein kleines Auto, den Dornier Delta. 1956 wandte er sich einer neuen Herausforderung zu - der Konstruktion von Freizeitmobilen. Auf Hymers «Ur-Troll» von 1957 basiert der aktuelle Hubdachcaravan des Unternehmens, der mit einem gewissen Retro-Charme bei heutigen Campern Kultstatus genießt.

In den 1990ern hat Hymer seinem Unternehmen namhafte Marken der Freizeitfahrzeugbranche einverleibt. Dethleffs, Sunlight, LMC und TEC gehören beispielsweise dazu. In diesem Jahr feiert der Fahrzeugbauer seinen 80. Geburtstag und erfüllt sich einen lange gehegten Traum. Am Sitz der Konzernzentrale entsteht derzeit das «Erwin-Hymer-Museum», in dem ab kommendem Jahr Reisemobile aller Epochen zu sehen sein werden. Nicht nur Fahrzeuge der eigenen Marken werden hier ein festes Plätzchen bekommen. Dem Caravan-Pionier liegen nach eigenem Bekunden die Modelle längst vergessener Hersteller am Herzen, und auch Camping-Vehikel aus der früheren DDR werden seine Sammlung bereichern.

Erfahren Sie mehr über den Caravan-Trend in unserer Bildstrecke.

sgo/sca/ivb/news.de/pi

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Joachim Winter
  • Kommentar 1
  • 02.08.2010 16:44

Ich hoffe doch, dass im Museum auch solche Schmuck- stücke der DDR, wie "Pensioon Sachsenruh" (Dachzelt für den Trabi) und die Wanderniere ihren Platz finden.

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