Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau - 28.07.2010, 12.04 Uhr

Kawasaki ER-6f: Der Sieg der Vernunft

Universell einsetzbar, günstig in der Anschaffung und im Unterhalt und trotzdem ein Hingucker. Die Kawasaki ER-6f ist ein Allrounder aus dem Bilderbuch. Was ihr zum perfekten Motorrad fehlt, erfahren Sie im news.de-Test.

Der Sieg der Vernunft Bild: auto.de

Mittelklassemaschine, Einsteigermotorrad – nicht gerade Attribute, die für famosen Fahrspaß und ganz große Emotionen stehen. Und dennoch war die Kawasaki ER-6f im Jahr 2009 die Nummer drei der deutschen Zulassungsstatistik. Das Fachmagazin Motorrad vermutet, dass die kontinuierliche Weiterentwicklung der 2006 vorgestellten Maschine die Neuzulassungen nach vorne brachte: «Straffere Federung und bessere Bremsen (...) - jede Modellpflege schlägt sich sofort im Verkauf nieder.»

Zum Modelljahr 2010 hat sich diese Maßnahme wiederum bewährt. In der Optik der halbverkleideten ER-6 f steckt mehr Ninja denn je. Während die leistungsstarken Supersportler des Herstellers unter diesem Kürzel die emotionale, technische und gestalterische Speerspitze des Konzerns bilden, mussten viele Maschinen in weniger prestigeträchtigen Klassen sich mit einem Aussehen zufriedengeben, das eher der Funktionalität denn der Emotionalität geschuldet ist. Nun profitiert die Kleine von der Strahlkraft der Großen und adaptiert optische Appetitmacher wie den bösen Blick der Supersportschergen genauso wie die schnittige Form der Halbschale. Das glattgelutschte Design der ersten drei Baujahre gehört der Vergangenheit an. Die aktuelle kernige Optik harmoniert besonders gut mit der sogenannten Underfloor-Auspuffanlage, welche am Boden der Maschine entlang läuft.

FOTOS: Kawasaki ER-6f Der Alleskönner

Des kleinen Mannes Sonnenschein

Das zackige Aussehen trifft dabei auf ein unerwartet komfortables Sitzvergnügen. Die Platzverhältnisse für Piloten und Sozius sind nicht überragend, aber auch für die große Tour völlig ausreichend. Das Sitzpolster ist ziemlich schmal, dennoch keine Folterbank. Gegen die Reiseambitionen der Kawasaki sprechen allerdings der fehlende Hauptständer und vor allem die geringe Zuladung von gerade einmal 176 Kilogramm. Die sind bei zwei Personen mit Gepäck schnell erreicht. Groß gewachsen sollte der Pilot ohnehin nicht sein, denn bereits ab 1,80 Metern Körpergröße wird's eng. Der kommode Kniewinkel und die effektive Windschutzscheibe stehen auf der Habenseite ihrer Reiseeigenschaften. Das Spritfass schluckt 15 Liter.

Alles sitzt, alles passt, die Fahrt kann beginnen. Mit 72 PS steht die Kawa gut im Futter. Man fühlt sich auf Anhieb nie untermotorisiert, obwohl man auf einer Einsteigermaschine Platz genommen hat. Zweizylindertypisch mag der Motor die Mitten und schiebt dort ordentlich voran. Gewöhnungsbedürftig ist nur die digitale Anzeige der Drehzahlleiter. Ansonsten sind die 210 km/h Höchstgeschwindigkeit und eine Beschleunigung auf 100 Stundekilometer in 3,9 Sekunden beachtlich. Dabei geht das 650 Kubikzentimeter-Aggregat erfreulich wirtschaftlich mit Kraftstoff um: Selbst bei Vollgas auf der Autobahn sind kaum mehr als 5,5 Liter auf 100 Kilometer zu schaffen. Wer gesittet auf der Landstraße unterwegs ist, der freut sich über einen Durchschnitt, der bei knapp 3,5 Litern liegt – vorbildlich.

Kein Leichtgewicht, aber trotzdem quirlig

In diesem Terrain fühlt sich auch das Fahrwerk deutlich am wohlsten. Obwohl die Kawa mit 208 fahrfertigen Kilogramm Gewicht nicht zu den leichtesten gehört, lässt sie sich spielerisch leicht um die Kurven zirkeln – wenn der Fahrbahnbelag eben ist und man nicht zu forsch an die Sache geht. Dann nämlich gerät das Hinterbein schnell an seine Grenzen und beginnt ordentlich zu rühren. Das trübt Kurvenambitionen vor allem deshalb, weil dann viel Lenkpräzision verloren geht. Ersatzteile aus dem Zubehörhandel versprechen zwar eine Verbesserung, stehen aber in keinem Verhältnis zum niedrigen Anschaffungspreis des Fahrzeugs – sie bewegen sich um die 500 Euro. Ärgerlich aber keine Katastrophe ist das Kawasaki-typisch knochige Getriebe. Geschmackssache.

Das Erfolgsrezept der kleinen Japanerin ist offensichtlich: Sie ist universell einsetzbar und das bei einem Einstiegspreis von knapp über 7000 Euro. Sie kann Brot und Butter und im Modelljahr 2010 dank nachgeschärfter Optik auch den großen Auftritt. Sie funktioniert im Alltag und in der Stadt problemlos, wie man es wünscht und spult auch die große Reise anstandslos ab. Dabei geht sie sparsam mit Kraftstoff um, bietet mit dem kultivierten Zweizylinder ausreichenden Fahrspaß und denkt sogar an die Fahrsicherheit: Das ABS ist serienmäßig an Bord. Die ER-6f kann fast alle Ansprüche bedienen – Anfänger sind nicht überfordert und Erfahrene langweilen sich nicht. Mehr Motorrad braucht kein Mensch. Die Zulassungszahlen zeigen, dass das viele ähnlich sehen.

kat/ivb/news.de

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