Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Feuerwehren retten Leben - wenn man sie lässt. Manche Autos sind aber so robust gebaut, dass die Helfer die Wracks kaum noch öffnen können. Wie es trotzdem gelingt, verrät Hartmut Ziebs vom Deutschen Feuerwehrverband im Interview.
Hat die Feuerwehr mit modernen Autos andere Probleme als mit älteren Semestern?
Hartmut Ziebs: Je sicherer die Autos werden, umso schwieriger wird es für die Feuerwehr, die Leute da raus zu holen. Wir haben heutzutage immense Probleme mit den besonders hochwertigen Stählen, die verbaut werden.
Sind die Einsatzkräfte dann nicht einfach schlecht ausgerüstet?
Ziebs: Wir setzen bei Unfällen in der Regel Schneider oder Spreitzer ein. Mit diesen hydraulischen Geräten kriegen wir manche Sachen nicht mehr geschnitten. Im Endeffekt bedeutet das einen höheren zeitlichen und technischen Aufwand und es muss beispielsweise schwereres Gerät herangeschafft werden, was die Rettung verzögert.
Wenn Sie den Innenraum freigelegt haben, welche Hürden warten dann?
Ziebs: Ein großes Problem sind die zahllosen Airbags. Wenn sich im Falle einer Kollision nicht alle Luftsäcke öffnen, dann können sie nachträglich aufgehen, wenn beim Öffnungsversuch des Wagens durch die Rettungskräfte Leitungen durchtrennt werden. Ein erhebliches Risiko für die Feuerwehrleute.
Wie reagieren die Hersteller auf dieses Szenario?
Ziebs: Die Fahrzeughersteller entwickeln natürlich zusätzliche Sicherheitssysteme und das ist sehr zu begrüßen. Das Problem allerdings ist, dass diese Systeme in fast allen verschiedenen Baureihen des Herstellers an unterschiedlichen Stellen platziert sind.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Ziebs: Die Hersteller geben Sicherheitsleitfäden heraus. Das sind erstens relativ umfangreiche Werke, und es gibt sie zweitens für jedes einzelne Modell. Kommt die Feuerwehr dann zum Unfallort, muss zuallererst herausgefunden werden, um welchen Fahrzeugtyp es sich handelt. Dann müsste sich die Einsatztruppe vor Ort erst einmal einlesen, wie man sich dem entsprechenden Wagen zu nähern habe. Das geht am Einsatzort natürlich nicht. Dort geht es um Minuten, für so etwas bleibt da keine Zeit. Außerdem sind die Autos oftmals so stark deformiert, dass vor Ort überhaupt nicht mehr zu erkennen ist, um welchen Typ es sich genau handelt. Denn die Hersteller setzen auf einheitliche Markengesichter. Das erschwert uns zusätzlich das Leben.
Was müssen die Hersteller ändern?
Ziebs: Die Fahrzeughersteller kommunizieren mit uns und wir befinden uns in einem engen Dialog. Allerdings helfen uns die Rettungsleitfäden einfach nicht in dem angedachten Maße weiter. Als sinnvoll erachte ich den Vorschlag des ADAC in dieser Frage. Der fordert, dass in jedem Fahrzeug eine sogenannte Rettungskarte liegen sollte. Auf der befindet sich ein fahrzeugspezifischer Leitfaden für Rettungskräfte. Hinterlegt immer an derselben Stelle, nämlich in der Sonnenblende. Die ist nämlich mit eines der letzten Dinge, die bei einem Fahrzeug übrigbleiben - egal in welchem Deformationszustand.
Finden die Beteiligten denn keine Lösungen?
Ziebs: Ein Ansatz ist es, über das Kennzeichen die Identität des Fahrzeugs zu lösen. Eine Anfrage bei der Zulassungsstelle brächte da Klarheit. Aber die Kennzeichen lösen sich oftmals bei Unfällen. Im Augenblick des Einsatzes werden sie oft entweder nicht gefunden, oder sind - wenn mehrere Unfallgegner beteiligt sind - einem konkreten Wagen nicht mehr zuzuteilen. Für all diese Maßnahmen müsste man entweder im Internet recherchieren oder dicke Wälzer durchblättern. Beides ist in unseren Augen nicht zielführend.
Stichwort alternative Antriebe. Stellen sie zusätzliche Gefahrenquellen bei der Rettung dar?
Ziebs: Das dritte große Problem, vor allem in Zukunft, sind Autos mit neuen Antriebsformen wie Hybrid, Gas oder Wasserstoff. Wird das vom Retter vor Ort nicht erkannt und eine Stromleitung durchschnitten, dann haben wir zum Beispiel plötzlich mehrere Tausend Volt, die dahin laufen, wohin sie nicht sollen: Nämlich in den Feuerwehrmann.
Worauf müssen Rettungskräfte dann am Unfallort achten?
Ziebs: Im Einsatz muss man noch geistesgegenwärtiger sein als früher. Mit viel Erfahrung können die Rettungskräfte eventuelle alternative Antriebe erkennen, ein Gasfahrzeug beispielsweise an den spezifischen Tankstutzen. Dann müssen penibel alle Airbags des Fahrzeugs kontrolliert und gegebenenfalls gesichert werden. Ein Faktor, dem man kaum Herr werden kann, sind die hochfesten Stähle. Mir ist das zum Glück noch nie passiert, aber Kollegen ist es schon so ergangen, dass alle vorhandenen Werkzeuge der massiven Karosserie nicht beikommen konnten. Da kann auch der erfahrenste Einsatzleiter nichts mehr machen.
Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Unfallopfern gesundheitliche Nachteile entstanden sind, weil die Helfer die Person nicht schnell genug herausschneiden konnten?
Ziebs: Mir ist Gott sei Dank noch kein Fall zu Ohren gekommen, in dem ein Unfallopfer deshalb verstorben ist. Ich wurde allerdings einmal mit einer Frau konfrontiert, die tatsächlich bis heute gesundheitliche Nachteile hat, weil die Feuerwehr sie aufgrund ihres massiv gebauten Fahrzeugs nicht in dem gewünschten Tempo herausschneiden konnte.
Was geben Sie vor allem jungen Helfern als Ratschlag an die Hand?
Ziebs: Ich sage meinen jungen Kollegen immer: Bei einem Auto knallt es fünfmal. Die vier Reifen explodieren und irgendwann fliegt der Tankdeckel wegen dem Überdruck weg. Der Tank ist also nicht der Problem, aber der Seitenaufprallschutz. Bei einem Aufprall schieben sich diese Bauteile zusammen und verkeilen. Wir haben den Auftrag, die Menschen zu retten und aus dem Fahrzeug heraus zu schneiden. Darum geht es. Wenn uns die Hersteller ein Stück entgegen kommen würden, dann würde uns das leichter fallen.
Hartmut Ziebs ist seit 2003 Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV). Der gelernte Zimmerer und diplomierte Ingenieur (Jahrgang 1959) ist außerdem Bezirksbrandmeister im Regierungsbezirk Arnsberg, DFV-Vertreter in der Fachgruppe «Feuerwehren-Hilfeleistung» der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Im DFV-Präsidium ist er zuständig für die Bereiche Einsatz, Löschmittel, Umweltschutz und Ausbildung. Er wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in seiner Geburtsstatdt Schwelm (Nordrhein-Westfalen).
sca/news.de