Mobilität 2020 «Wir brauchen ein Apollo-Projekt»

Eins ist sicher:  Die Zeiten des grenzenlosen Individualverkehrs sind bald vorbei. Professor Stephan Rammler erklärt im Interview mit news.de, wie und warum sich unsere Mobilität verändern muss.

«Wir brauchen ein Apollo-Projekt» (Foto)
Das Zeitalter der uneingeschränkten individuellen Mobilität wird bald vorbei sein. Bild: dpa

Zehn Jahre mag weit weg klingen, aber: Was wird uns bewegen in Zukunft?

Rammler: Die Gesellschaft muss den Willen finden, neue Konzepte zu wollen und sie von der Wirtschaft einzufordern. Die Zeichen stehen allerdings momentan eher nicht auf Wandel. Deshalb tippe ich, dass wir in zehn Jahren einen Mix haben aus klassischen fossilbetriebenen Automobilen, wie etwa der gängigen Limousine oder kompakten Fahrzeugen.

Es wird lediglich ein bisschen kleiner, ein bisschen sparsamer und mit etwas mehr Öko-Etikette präsentiert werden. Das wird wohl der Mainstream 2020 sein, entspricht aber in keiner Weise den notwendigen ökologischen Nachhaltigkeitserfordernissen unserer Zeit. Es ist weniger ein technisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Die Möglichkeiten für neue Fahrzeugkonzepte sind längst vorhanden.

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Welche Faktoren werden zukünftig Aussehen und Aufbau von Fahrzeugen bestimmen?

Rammler: Ordnungspolitische Maßnahmen kommt eine große Bedeutung zu. Dadurch könnten in manchen städtischen Ballungszentren beispielsweise Elektroautos das Bild prägen, da andere Fahrzeuge keinen Zugang mehr erhalten. Außer man denkt schon jetzt radikal um, und fokussiert die Klimadebatte in der Frage, wie unsere Mobilität 2002 aussehen soll.

Also alles so wie jetzt, nur Elektro?

Rammler: Das Elektroauto wird niemals genauso funktionieren, wie wir es nach der einzigartigen Entwicklung des Verbrennungsmotors jetzt von Automobilen gewohnt sind. Das werden wir einerseits nicht erreichen, weil in nächster Zeit solche technologischen Quantensprünge nicht möglich sind. Und andererseits, weil die Optimierung dieser Energieform niemals das Niveau des Verbrennungsmotors erreichen können wird. Insbesondere die Reichweite ist das Hauptproblem.

Welche Funktion kann so ein Automobil erfüllen?

Rammler: 80 bis 90 Prozent der Fahrten in einem Automobil finden schon jetzt in Radien statt, die ein Elektroautomobil leisten können wird. Mann muss grundsätzlich umdenken, und das Konzept des Automobils integrieren in nachhaltige Mobilitätskonzepte. Langstrecken sollten dann mit der Bahn zurückgelegt werden. Als Alternative muss man allgemein verfügbare Flotten von Fahrzeugen schaffen, die dann Autos für längere Strecken bereit halten. Geeignete Antriebe dafür sind nachwachsende Rohstoffe, Stichwort Ecofuel, Wasserstofffahrzeuge und so weiter.

Welche Rolle wird in Zukunft dem öffentlichen Personennahverkehr zukommen?

Rammler: Die Optimierung der öffentlichen Verkehrsmittel geht letztlich einher mit einer sinkenden Notwendigkeit des Individualverkehrs. Wenn sich dieses Denken durchsetzt einerseits und andererseits die nötigen ordnungspolitischen und finanziellen Anreize bestehen, dann wird sich das Prinzip des Verbrennungsmotors von ganz allein zurückfahren.

Aber ob das so schnell und reibungsfrei möglich ist?

Rammler: Ich bin der Meinung, dass eine Gesellschaft neue, auch radikal neue, Technologien relativ schnell umsetzen kann. Allerdings nur, wenn sie sich dafür entscheidet. Ich vergleiche das ganz gern mit dem Apollo-Projekt der USA. Wenn man mit ganzer Kraft einen Menschen auf den Mond bringen will, dann schafft man das auch. Die Gesellschaft muss sich dafür allerdings auch finanziell entscheiden und die dementsprechenden Gelder bereit stellen.

Ein Beispiel ist der aktuelle Stand der Batterietechnologie. Wenn dort endlich höhere finanzielle Mittel eingesetzt würden, dann würde die Entwicklung dementsprechend schneller voran schreiten. Im Vergleich zu andere Technologien sind die Forschungsgelder in diesem Bereich lächerlich. Stattdessen werden immer noch Milliarden in die Aufrechterhaltung des Zugangs zu fossilen Brennstoffen investiert. Und das zementiert natürlich den Status Quo.

Sind Elektroautos das Allheilmittel für die Zukunft?

Rammler: Wenn man glaubt, die Batterien so zu optimieren, dass man damit Reichweiten von 1000 Kilometern erreicht, dann ist das das falsche Ziel - das richtige hingegen ist es, zu einer Optimierung von Kurzstrecken zu gelangen. Dann könnte man auch schneller zu signifikanten Steigerungen des Potenzials von Batterietechnologien gelangen.

Werden wir konkret: Was ist Ihre Forderung?

Rammler: Lasst uns weggehen von dieser Forderung nach funktionaler Äquivalenz – gerade im Bezug auf das Elektroauto. Der Audi E-tron beispielsweise ist ein ganz falsches Signal. Denn damit wird das gängige automobile Leitbild einfach weiter geschrieben. Es wird suggeriert, das sei die Zukunft, aber sie ist es natürlich nicht. Wir haben weder die Rohstoffe, noch das Potenzial, alle Autos, die wir momentan weltweit bewegen einfach eins zu eins auf Elektro umzustellen. Wir werden im Bereich der Mobilität sehr bald zwingend eine Vermeidungsdiskussion führen müssen. Es wäre eine Illusion, für acht Milliarden Menschen auf der Welt die westlichen Mobilitätsstandards übernehmen zu können.

 

Dr. Stephan Rammler ist Professor für Transportation Design und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) Braunschweig.

Lesen Sie morgen, wie 2020 die Straßen aussehen könnten.

car/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Timsalabim
  • Kommentar 2
  • 06.01.2010 08:48
Antwort auf Kommentar 1

Ob es bei der Diskussion um Autos oder Bikes geht, ist eher sekundär. Langfristig gilt es eine Gesellschaft zu bewegen - und das so nachhaltig wie möglich! Treibt man diesen Aspekt auf die Spitze, geht es um Transporte von Massen bei geringem Ressourcenverbrauch. Das bezieht sich dabei nicht nur auf den nötigen Treibstoff sondern auch auf den Materialaufwand bei der Herstellung und die Dauer der Nutzung. Eine Gesellschaft, die sich entschieden hat, ökoligisch korrekt handeln zu wollen, sollte die individuelle Nutzung von Autos und Bikes sowie die ständige Neuanschaffung derselben überdenken.

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  • Koko
  • Kommentar 1
  • 30.12.2009 15:14

Finde Schade dass bei der Diskussion nur auf Autos zurückgegriffen wird. Ein Motorrad bzw. allgemein ein Zweirad verbraucht relativ wenig Benzin bei hoher Literleistung und mittlerweile gibt es sogar batteriebetriebene Konzepte. Um 5/100km Liter sind da absolut keine Seltenheit und die Schadstoffe halten sich auch sehr in Grenzen. Weitere Vorteile sind im urbanen Verkehr zu finden. Man ist bedeutend agiler unterwegs und benötigt wenig Platz. Leider ist man als Biker eine Minderheit die bei jeder Gelegenheit abgriffen wird, wobei man doch den zweifelhaften Ökowahn sogar sinnig unterstützt.

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