Design 2020 «Designer verschieben Grenzen»  

«Designer verschieben Grenzen» (Foto)
Professor Lutz Fügener lehrt Transportation Design in Pfortzheim. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Was leistet Design für die Zukunft des Automobils? Der renommierte Designer Lutz Fügener sprach mit news.de über Notwendigkeiten und Hemmnisse auf dem Weg in die automobile Zukunft. Teil eins.

Ist es eigentlich frustrierend, wenn als Designer eigene Visionen und progressive Konzepte von den Herstellern abgelehnt werden?

Fügener: Das kann schon so sein. Man hat immer einen Zeitrahmen für ein Projekt. Wenn dann die Ablehnung für einen Vorschlag technologisch bedingt ist, dann kann man das leichter akzeptieren. Manchmal hängt es aber an den Vorstellungen der Hersteller und dann versucht man natürlich, Grenzen zu verschieben. 

Was ist dann die Aufgabe des Designer in diesem Prozess?

Fügener: Nun, die letzten 15 bis 20 Jahre waren geprägt von Wertekonservatismus, von Besitzstandsdenken. Doch ich finde es immer gefährlich, wenn man die Vergangenheit schöner findet als die Zukunft. Als Designer muss man so etwas auflösen. Man muss so gute Vorschläge machen, dass man diese Strömungen innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen auflösen kann. Kleine Schritte können da schon weiterhelfen.

Design 2020
Neues Denken notwendig

Welche tektonischen Verschiebungen sind denn momentan zu Gange?

Fügener: Prinzipiell gab es zwei Eckpfeiler: Der erste war in den 1990er Jahre, als sich die gesättigten westlichen Automärkte zu den neuen hungrigen Märkten im sich öffnenden Osten erweitert haben. Diese hatten völlig andere Bedürfnisse und begehrten die Dinge, die der Westen längst überwunden hatte: Die Gier nach purer Leistung oder ausuferndem Zierrat wie Chrom und Wurzelholz. Das hat die Entwicklung weit nach hinten geworfen, weil aufgrund der Marktsituation viel Geld in absolut rückständige Konzepte gesteckt worden ist. Der zweite wichtige Impuls kam dann 2006/2007, als in den USA erstmals der Spritpreis erheblich anstieg. Plötzlich kam dort die Rückbesinnung auf Ökologie und Umweltfreundlichkeit. Dieser Sog hat dann schließlich die ganze Welt ergriffen. Im Endeffekt stehen wir jetzt genau dort, wo wir 1990 bereits gewesen sind. Wir haben 16 bis 17 Jahre verloren.

Klingt ja ziemlich düster.

Fügener: Soll es aber nicht. Denn diese Zeit ist ein für allemal überwunden. Nun haben wir eine zukunftsgerichtete Entwicklung, die unumkehrbar ist. Das klassische Denken über das Automobil aus den 1950er und 1960er Jahren ist definitiv vorbei.

Wann kommt dann der iPod für die Straße? Das eine revolutionäre Ding, dass alles Vorhandene über den Haufen wirft.

Fügener: Das ist die große Herausforderung, ganz klar. Herstellen will ihn jeder. Doch auf dem Weg dorthin muss man zwei Dinge brachten: Erstens darf man nicht den Kunden fragen, was er will. Denn der kennt ja nur Vergleiche aus der Vergangenheit. Mann muss also mutig sein und den Käufer mit Neuem konfrontieren. Die Leute können nicht kaufen, was sie nicht vor sich haben. Da muss man mehr Mut beweisen. Auch wenn es ein neues Konzept zu Beginn nicht leicht haben wird. Denn das Konkurrenzprodukt ist extrem ausgereift und perfektioniert. Das Konzept des klassischen Automobils allerdings muss aufgelöst werden. Wenn das neue Produkt attraktiv ist, wird der Käufer mitmachen. Man darf ihn allerdings nicht vorher fragen, wie es aussehen soll.

Kann so etwas ein renommierter großer Automobilkonzern überhaupt leisten? Gerade in seiner Eigenschaft als großer, unbeweglicher Apparat.

Fügener: Auf jeden Fall. Gerade durch ihre ausgelagerte Peripherie. Das sind kleine Einheiten, in denen hochkreative und -intelligente Entwickler und Designer tätig sind. Das große Problem sind die Besitzverhältnisse in der Automobilindustrie. Das sind meist Aktiengesellschaften. Neuentwicklungen sind kostenintensiv und sie stellen für die Aktionäre ein Risiko dar. Und die denken eher kurzfristig und sind an ihrer Dividende interessiert. Aber ohne Risiken kann die Zukunft nicht kommen. So kann das schlecht funktionieren.

Wie kann es dann funktionieren?

Fügener: Abspringen. Man muss Geld in die Hand nehmen und revolutionär statt evolutionär handeln. Das klappt allerdings nur langfristig und mit sehr viel Mut. Ein Produkt wie der Smart ist da Gold wert, weil er Türen öffnen kann. Und wenn wir am Standort Deutschland das nicht machen, dann tun es andere. Es gibt Länder wie beispielsweise China, da können solche Sachen per Dekret beschlossen werden, da können Hersteller zu Formen und Konzepten verpflichtet werden. Wenn die den Braten gerochen haben, dann ist für uns hier der Zug abgefahren.

Müssen wir uns also Sorgen machen?

Fügener: Eher nicht. Es gibt gerade in China keine organisch gewachsene Kultur bei der Herstellung von Produkten. Durch Vorgänge wie die Kulturrevolution wurde da jegliche Entwicklung abgebrochen, so dass dort Erfahrungen fehlen, die im Entstehungsprozess unabdingbar sind. Und so etwas kann nur langsam entstehen.

Professor Lutz Fügener hat den Studiengang «Transportation Design» an der Hochschule Pforzheim mit aufgebaut. Sein letztes Werk war der Neuentwurf des sächsischen Rennklassikers Melkus.

Lesen Sie im morgigen zweiten Teil des Gesprächs, wie Politik und Wirtschaft Design beeinflussen.

voc/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • ragnaroekr
  • Kommentar 1
  • 26.12.2009 13:16

Bis auf die Verwechslung von Wertkonservativem mit Struktur-/Formkonservativem stimmt die Meinung von Lutz Fügener mit der von R überein. Insoweit spricht nichts gegen die Anwendung seiner Designer-Regeln auf die Politik und das übrige soziale Leben. Allerdings muss deshalb noch das "Besitzen" im Prozesshaften (Regelhaften) überdacht werden.

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