«Verantwortlich ist der Mensch»
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Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Artikel vom 29.12.2009
Surfen, Chatten, Filme sehen. Fahren wir bald nicht mehr mit dem Auto, sondern lassen uns vom Computer von A nach B bringen? Professor Wolfgang Kühn über den Verkehr in zehn Jahren.
Wie wird der Verkehr in zehn Jahren in Deutschland aussehen?
Kuhn: Deutschland ist und bleibt das klassische Transitland, die Osterweiterung der EU hat diesen Prozess nur verstärkt. Der Verkehr wird sich durch unser Land bewegen. Allerdings verschieben sich die Verkehrsbeziehungen, also Quelle und Ziel des Verkehrs. Die werden sich verändern. Wirtschaftliche Standorte beispielsweise brechen zusammen und werden somit kein Ziel mehr. Der Demographische Wandel allerdings führt nicht zu weniger Verkehr. Eher das Berufspendeln.
Können vernetzte Systeme den Eingriff des Menschen im Verkehr in naher Zukunft überflüssig machen?
Kuhn: Systeme können immer nur Unterstützung bieten. Die Verantwortung liegt allerdings immer beim Menschen. Die Freiheit des Menschen oder Datenschutzauflagen, das alles hemmt die Entwicklung Man muss das global betrachten. Mobilität ist immer des Menschen. Er entscheidet jeden Tag aufs Neue, wie er sich wann fortbewegt. Die Gesellschaft und die Technik können nur Impulse setzen.
Sind die Fahrzeuge in Zukunft mehr miteinander vernetzt?
Kuhn: Ja und nein. Die technischen Voraussetzungen dafür sind längst vorhanden. Allerdings ist in diesem Punkt die technische Entwicklung weiter als die gesellschaftliche. Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist das in Deutschland heikle Thema Datenschutz. Denn weiter gedacht könnte man dann irgendwann an den Punkt gelangen, an dem man jeden Menschen überall orten kann.
Welche Technologie steckt dahinter?
Kuhn: Das Prinzip nennt sich Telematik. Darunter versteht man die Verknüpfung von Fahrzeugen mit Verkehrsleitsystemen. So ist eine stationäre Beeinflussung des Verkehrs möglich, beispielsweise eine Umleitung oder eine Spurverengung. Außerdem gibt es Systeme im Auto, die Verkehrsdaten sammeln, auswerten und weiterleiten. Das nennt sich dann Floating Car Data. Der Vorteil dabei ist die direkte Kommunikation miteinander. Insgesamt geht man zum Prinzip der intelligenten Straße über: Sensoren erfassen dabei Verkehrs- und Fahrbahndaten.
Was ist der Vorteil der direkten Kommunikation von Fahrzeugen?
Kuhn: «car to car» ist ein wichtiger Schritt. Denn sie liefert die besseren, die aktuelleren Daten. Die notwendige Aktualität lässt sich nur über mobile Systeme realisieren. Die Fahrzeuge im Pulk können so die besten Daten in Echtzeit bekommen. Jeder kommuniziert untereinander. Die berechtigte Frage aber bleibt: Wo ist die regulierende Instanz?
Wo sehen Sie den goldenen Mittelweg zwischen Datenschutz und -austausch?
Kuhn: In privatwirtschaftlicher Hand möchte ich diese Daten nicht sehen. Damit kann man so viel anstellen, im positiven wie im negativen Sinne. In unserer technologosierten Welt sind ja nicht einmal unsere Bankdaten, simple Zahlenfolgen hundertprozentig schützbar. Durch die Öffentlichkeit geistert eine Datenschutzpanne nach der nächsten, das macht den Menschen Angst. Profitinteressen erleichtern den verantwortungsbewussten Umgang mit dem Datenmaterial nicht. Langfristig gesehen hat ein Konsortium andere Interessen. Jede Datenerfassung sollte gesellschaftlich organisiert laufen. Der Staat muss die Entscheidungsgewalt behalten.
Das bedeutet aber momentan das Aus für eine automobile Vernetzung.
Kuhn: Wir müssen unsere telematischen Systeme ausbauen – da führt kein Weg dran vorbei. Auch eine zentrale Datenerfassungen ist vonnöten. Eine staatliche Gesellschaft sollte dies alles kontrollieren. Wir müssen die Angst vor Datensammlung verlieren, denn sie ist die Zukunft. Das Hauptproblem in Deutschland liegt aber eher neben der Straße als darauf: Wir Deutschen stehen lieber im Stau, als im Zug zu sitzen. Mehr Schienenverkehr würde die deutschen Straßen drastisch entlasten – ganz ohne irgendwelche technischen Assistenten und Datenschutzdiskussionen.
Wolfgang Kühn ist Professor am Institut für Verkehrssystemtechnik der Westsächsischen Hochschule Zwickau und am Institut für Verkehrsbau der Universität Leipzig. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Verkehrssteuerung und Kraftfahrzeugvernetzung. Er verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen aus Forschung und Praxis auf internationaler Ebene.
sgo/news.de
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