Winterreifen sollte man aufziehen, sonst könnte es mit der Versicherung kritisch werden. Doch die begehrten Testsieger von Stiftung Warentest und ADAC sind derzeit rar. Die Reifenhersteller haben angesichts der Krise nicht mit der hohen Nachfrage gerechnet.
Die Schlange reicht bis weit über den Parkplatz heraus. Dutzende Autofahrer sind beim ersten Kälteeinbruch des Jahres vor zwei Wochen zum heillos überfüllten Geschäft eines Berliner Reifenhändlers geströmt. Bis zu vier Stunden müssen sie in der Kälte warten, um dann zu erfahren, dass der von ihnen favorisierte Reifen längst nicht mehr zu haben ist, wie Daniel Jahn, Geschäftsführer vom Quick Reifendiscount, erzählt. Ähnliche Erfahrungen machen Autofahrer derzeit häufig.
Es gebe punktuelle Engpässe bei der Versorgung, erklärt der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV). Man sei aber stark bemüht, die Probleme «kurzfristig zu eliminieren», sagt Geschäftsführer Peter Hülzer. Seine Branche unternehme derzeit große Anstrengungen, die auf die Bereiche Produktion, Logistik und Kapazitätserweiterung in den Montagestationen zielten. Er fügt hinzu: «Aber wir haben kein Warenverfügbarkeitsproblem.»
Der ADAC erklärt, es gebe bei bestimmten Modellen in bestimmten Größen Einschränkungen. «Engpässe ja, aber von einer Verknappung, in deren Folge man keine Chance mehr hat, Winterreifen zu bekommen, kann man nicht sprechen», erklärt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. Probleme gebe es auch bei der Lieferung einiger Felgen.
Unglückliche Kombination von Wirtschaftsmisere und Abwrackprämie
Schuld an der Misere ist nach Einschätzung von Händlern die Kombination von Weltwirtschaftskrise und Abwrackprämie. «Die Krise führte dazu, dass im Sommer weniger Winterreifen produziert wurden, weil auch weniger Rohstoffe bestellt wurden», sagt Jahn. Durch die Abwrackprämie seien dann jedoch deutlich mehr Neuwagen verkauft worden als sonst. Viele ihrer Besitzer wollten nun Reifen für die kalte Jahreszeit - und richteten sich häufig nach Ergebnissen der jüngsten Tests von ADAC und Stiftung Warentest. So würden vor allem die Sieger, Qualitätsreifen renommierter Hersteller, nachgefragt. Die seien dann schnell ausverkauft.
Die Hersteller sehen die Schuld daran jedoch nicht bei sich. «Bis Ende September wurden bereits 27 Prozent mehr Winterreifen produziert als im selben Zeitraum des Vorjahres», erklärt BRV-Geschäftsführer Hülzer. Continental-Pressesprecher Alexander Lührs sagt, man arbeite derzeit mit einer Auslastung von 100 Prozent, um neue Winterreifen zu produzieren. Die Händler seien in der Pflicht. Die pessimistischen von ihnen hätten in den Sommermonaten zu vorsichtig agiert und zu wenig bestellt. Und an den Bestellungen richte sich nun einmal die Produktion aus.
Auf jeden Fall seien Kalkulationen schwierig gewesen, da die Auswirkungen der Abwrackprämie nur schwer vorhersehbar gewesen seien und auch niemand vorher wisse, wer denn nun zu begehrten Testsiegern gekürt werde. Ab Dezember werde dann bereits wieder für den Sommer produziert.
Deutliche Preiserhöhungen
Selbst nach Einführung der Winterreifenpflicht 2006 habe man einen solchen Ansturm wie in diesem Jahr nicht erlebt, erzählt ein Mitarbeiter des Autozubehör-Händlers A.T.U. Ob in der Berliner Zweigstelle des Unternehmens noch in diesem Jahr die Reifen-Testsieger für Klein- und Mittelklassewagen wieder verkauft werden könnten, vermag er nicht zu sagen. Er könne derzeit nur die Zweitmarken bekannter Hersteller oder Billigmarken anbieten.
Wer dann doch noch Glück hat und sein gewünschtes Premiumprodukt ersteht, muss eventuell deutlich tiefer in die Tasche greifen als noch vor einem Monat. Die Preise für bestimmte Reifen seien um bis zu 25 Prozent gestiegen, erzählt Jahn. «Die Nachfrage treibt die Preise.» Hoffnung, die Testsieger wieder im Sortiment zu haben, habe er erst für Herbst 2010 wieder.
Der ADAC relativiert. Man habe Anfang der Woche unter 40 Händlern in Deutschland eine Umfrage durchgeführt und gezielt nach bestimmten Reifen gefragt, sagt Maurer. Nur acht von ihnen hätten gesagt, dass diese nicht vorrätig seien, hätten aber Ersatz angeboten.
iwi/iwe/news.de/ap