Schon Gerüchte über eine Insolvenz fügen Autoherstellern viel Schaden zu - denn viele Kunden fürchten, künftig ohne Hilfe dazustehen. Das Beispiel Rover aber zeigt: Selbst mit einer insolventen Marke kann man ganz gut weiter fahren.
Die britische Automobilindustrie kann von Pleiten, Pech und Pannen manch Liedchen singen. Von der Massenproduktion und Markenvielfalt des vorigen Jahrhunderts ist auf der Insel wenig übrig geblieben. Das letzte große Opfer war die Traditionsmarke Rover, der auch ein kurzes Techtelmechtel mit BMW von 1994 bis 2000 nicht auf die Beine helfen konnte. Im April 2005 standen bei MG Rover die Bänder still. Die Restbestände des insolventen Autobauers wurden verkauft - auch in Deutschland und zum Teil mit drastischen Preisnachlässen.
Der bis 2005 gebaute Rover 75 gilt als insgesamt gelungenes, stilvolles Auto und ist noch regelmäßig auf den Straßen zu sehen. Doch die unsichere Zukunft der Marke besiegelte schon vor der Insolvenz das Schicksal der Limousine. Eine insolvente Marke kann Neuwagen nur schwer an den Mann bringen.
«Je größer die Fahrzeuge, umso schwieriger wird sich dies gestalten. Insbesondere der wichtige Firmenmarkt droht bei Insolvenz zusammenzubrechen, denn kaum eine Leasinggesellschaft wird Fahrzeuge eines insolventen Herstellers kaufen. Die Restwerte der Fahrzeuge gehen sehr schnell in den Keller. Damit werden die Leasingraten deutlich höher als beim Wettbewerber sein und die Nachfrage geht gegen Null», erklärt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.
Doch nicht nur das Finanzierungsgeschäft könnte wegbrechen. «Auch die Preise der Gebrauchtwagen werden abgewertet. Da die Händler mit größeren Mengen an Gebrauchtwagen eingedeckt sind, bedeutet dies für sie ebenfalls eine sehr schwierige Situation. Es ist fast schon wie bei einem Domino-Effekt, bei dem Steinchen nach Steinchen fällt», sagt Dudenhöffer.
Automobilclubs und Verbraucherverbände bekommen bereits Anfragen von besorgten Autofahrern, die eine drohende Insolvenz ihrer Marke fürchten. Einige Hersteller gewähren langjährige Garantien auf ihre Fahrzeuge - doch was sind die im Insolvenzfall wert? Silvia Schattenkirchner, Leiterin der Abteilung Verbraucherschutz und Recht beim ADAC, gibt zumindest teilweise Entwarnung:
«Im Falle einer Herstellerinsolvenz besteht rein rechtlich gesehen zwar tatsächlich die Gefahr, dass der Kunde den Anspruch auf Garantieleistung verliert und auch nicht aus der Insolvenzmasse befriedigt werden kann. In der Praxis dürfte sich bei einem großen Autohersteller jedoch ein Rechtsnachfolger finden, der in die Rechte und Pflichten des Unternehmens eintritt. Zudem sind die Händler dem Kunden aus der gesetzlichen Sachmängelhaftung weiterhin verpflichtet.»
Selbst wenn die eigene Automarke die versprochene Garantiezeit nicht überlebt, müssen Autofahrer zumindest nicht fürchten, mit ihrem Wagen auf der Strecke zu bleiben. «Die Ersatzteilversorgung ist prinzipiell ein sehr gewinnbringendes Geschäft. In der Insolvenz wird dies mit Sicherheit weiter geführt. Hier kann man also davon ausgehen, dass im schlimmsten Fall, dem Konkurs, andere Unternehmen das Ersatzteilsystem kaufen und die Versorgung weiter sicherstellen», sagt Dudenhöffer.
Das Beispiel Rover macht deutlich, dass die Autofahrer selbst bei vergleichsweise kleinen Marken nicht ganz im Regen stehen. «Die Situation heute zeigt, dass die Besitzer von MG- und Rover-Fahrzeugen der letzten Serien bisher offenbar noch nicht dem Druck ausgesetzt sind, sich in Interessengemeinschaften zusammenschließen zu müssen, um ihre Wagen fahrbereit zu halten», frohlockt Reinhard Stadthaus, Sprecher der Rover Freunde Deutschland.
Es gebe weiterhin ehemalige Rover-Händler und neue Vertragswerkstätten, die über die Firma XPart Teile beschaffen könnten und über Werkstattpersonal verfügten, das mit der Technik der neueren MG- und Rover-Modelle vertraut sei. «Bisher ist mir noch kein Fall angezeigt worden, in dem ein benötigtes Ersatzteil nicht beschafft werden konnte», sagt Stadthaus.
Je moderner das Auto, desto größer dürfte allerdings die Abhängigkeit von einem funktionierenden Wartungsnetz werden: Das Motto «Jetzt helfe ich mir selbst» lässt sich bei dem rapide wachsenden Anteil von Elektronik im Auto und komplexer Fahrzeugsoftware immer schwerer verwirklichen.
sgo/fme